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Tim Krohn: Aus dem Leben einer Matratze bester Machart

Aus dem Leben einer Matratze bester Machart

1935 wird sie von einem jungen Ehepaar einem Hotelier abgekauft, später dient sie als Schutz für drei Kinder im Bombenhagel des 2. Weltkriegs. Sie ist Unterlage einer kranken Frau, wird von einem Hippie-Pärchen durch die Schweizer Berge transportiert, gerät unter eine Brücke an den Ufern des Tibers, gelangt von dort in das Mittelmeer und landet schließlich 1992 ausrangiert und zerfleddert am Strand von Balieu-sur-Mer, einem Badeort an der französischen Riviera. Als sie das Zeitliche segnet, ist sie 57 Jahre alt: die Matratze bester Machart.

»Sie haben Glück«, sagte der Wirt und strahlte über beide Backen, »heute früh erst wurden uns neue Matratzen für unsere Betten geliefert, ein erstklassiges Fabrikat aus der Fabrik meines Bruders auf der Schillerhöhe, neuestes Modell, Federkern vom Feinsten mit einer ganzen Reihe bahnbrechender Innovationen. Diese Matratze hat Schlitze zwischen Rumpfteil, Hauptteil und Fußteil, die es nicht nur erlauben, sie zu klappen und platzsparend zu verstauen, die Dreiteilung führt auch zu einer ganz einzigartigen Schwerpunktverlagerung. Dazu atmen Kopf- und Fußteil durch feinste Poren über einem Kern rhombenartig angeordneter Stahlfedern, während der Mittelteil im Unterbezug galvanisch gummiert, darunter luftgefüllt ist und somit stets hygienisch einwandfrei. Der Oberbezug ist zu allem Überfluss handgenäht und aus erstklassigem Drillich. Ich garantiere Ihnen, Herr und Frau Wassermann, Sie schlafen bei uns wie Gott in Frankreich.«

In acht Episoden auf knapp hundert Seiten wirft der Autor Tim Krohn einen Blick zurück ins vergangene Jahrhundert. Eine zentrale Rolle spielt eine Matratze, die auf den ersten Seiten noch fabriksneu mehr als nur weiche Bequemlichkeit für ein frisch verheiratetes Pärchen darstellt. Es ist genau diese Matratze in einem Hotel, auf die Immanuel und Gioia die Hochzeitsnacht verbringen, und die am darauffolgenden Morgen verräterische Blutflecke in Form des amerikanischen Kontinents aufweist. Um sich die Peinlichkeit zu ersparen, kauft der frischgebackene Ehemann, ein jüdischer Unternehmer, dem Hotelier die Matratze ab, bevor er sich mit seiner schönen Gattin auf den Weg zurück nach Berlin macht. Was so romantisch und unbeschwert beginnt, endet abrupt mit der Verhaftung des Ehemanns durch die Gestapo.

Die Matratze wird weitergereicht, wechselt die Orte und reist durch fast sechs Jahrzehnte. Ihre fortschreitende Abnutzung steht im Gegensatz zu den menschlichen Schicksalen, die sich in dieser Zeit auf, unter oder neben ihr abspielen. Je mehr sich Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu Frieden und wirtschaftlichen Wohl hin entwickelt, desto mehr verliert die Matratze an subjektiver Bedeutung und verkommt schlussendlich zu einem verschlissenen, ausrangierten Gebrauchsgegenstand. Der erzählerische Kreis wird Anfang der neunziger Jahre geschlossen. Hier findet der jüdische Unternehmer die Überreste der Matratze, auf der er 57 Jahre zuvor seine Ehefrau entjungfert hat, bei einem Strandspaziergang wieder.

Tim Krohns Episoden verquicken einzelne Schicksale mit dem Werdegang Europas und konstruieren damit eine tragisch-vergnügliche Exkursion durch die Zeit. Sein Matratzen-Roman – in bester Machart geschrieben – hinterlässt trotz minimalistischer Aufmachung großen Eindruck.

Rezension: NR. 345
[ssba]
3. Januar 2016

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