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Zadie Smith: Von der Schönheit

Howard und Kiki Belsey sind ein alterndes Ehepaar, haben drei fast erwachsene Kinder, tolle Jobs und leben gut situiert in der ostamerikanischen Vorstadtidylle Wellington. Die Beschaulichkeit wird jedoch mit dem Auftauchen der Kipps aus England empfindlich gestört. Zadie Smith erzählt von Schwarzen und Weißen, Armen und Reichen, von Intelligenz und Dummheit und wie sich eine Familie gekonnt selbst ruiniert. Die englische Autorin mit jamaikanischen Wurzeln hat sich viel Zeit genommen, verschiedensten Gegensätze in diesem Roman zu verarbeiten. Anhand zweier Familien, die sich desaströs in die Quere kommen, versucht Zadie Smith aufzuzeigen, dass (oftmals von der Gesellschaft gesetzte) Grenzen verschwimmen und dass eine Medaille immer noch zwei Seiten hat.

Kiki ist schwarz, extrem übergewichtig und strahlt aufgrund ihres starken Charakters trotzdem Schönheit aus. Howard ist weiß, Akademiker, Zyniker und kämpft um seine intellektuelle Anerkennung. Beide leben in Neuengland, haben ihre Wurzeln im Proletariat und eine liberale Anschauung. Der Antithese zu den Besleys sind die Kipps aus England: ebenfalls akademisch aber stock-konservativ und aristokratisch. Monty Kipps ist wie Howard Universitätsprofessor und die beiden liegen sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Ansichten schon ewig in den Haaren. Nur Kiki und Montys sterbenskranke Frau Carlene finden trotz Liberalismus und englischer Tradition zueinander:

„Na ja, Ihr Mann zum Beispiel, Monty“, sagte Kiki. „Ich habe seine Artikel gelesen. Dauernd schreibt er davon, was für eine tolle Mutter Sie sind. Er stellt Sie geradezu als großes Vorbild hin. Das perfekte Heimchen am Herd, die ideale christliche Mutter – wogegen übrigens nichts einzuwenden ist, es ist wunderbar. Nur, ist das alles? Oder gibt es da vielleicht noch etwas, das Sie auch noch tun wollten … vielleicht irgendetwas, das nichts mit alledem …“

„Carlene lächelte. Ihre Zähne, schief und mit kindlichen Lücken, war das Einzige, das nicht zu ihrer aristokratischen Erscheinung passt. „Ich wollte lieben und geliebt werden.“

„Klar“, sagte Kiki, weil ihr nichts mehr dazu einfiel. Sie horchte nach Clotildes Schritten, irgendetwas, das die Unterhaltung unterbrach. Aber nichts.

„Kiki, als du jung warst: Da hast du sicher unglaublich viel gemacht?“

„Ach Gott … ich wollte, das ja. Aber allzu viel ist nicht daraus geworden. Zum Beispiel wollte ich sehr lange die Assistentin von Malcom X sein. Das hat nicht geklappt. Dann wollte ich Schriftstellerin werden, Sängerin. Meine Mama wollte, dass ich Ärztin werde. Black woman doctor: Das waren ihre Lieblingsworte.“

„Und hast du gut ausgesehen?“

„Oje … was für eine Frage!“

Carlene hob abermals ihre knochigen Schultern. „Das frage ich mich immer: wie die Leute ausgesehen haben, bevor ich sie kennen lernte.“

„Ob ich gut ausgesehen habe? Ja, ich denke schon.“ Es kam ihr seltsam vor, so etwas laut zu sagen. „Unter uns, Carlene, ich war sogar heiß. Nicht lange, so um die sechs Jahre, aber hallo.“

„Das sieht man immer noch. Schönheit vergeht nie ganz“, sagte Carlene.

Als Monty als Gastprofessor an Howards College kommt, nimmt die erotische und intellektuelle Tragödie ihren Lauf. Seitensprünge, peinliche Auftritte, unbequeme Freundschaften… Klingt ganz danach, als ginge die Post ab. Das alles plätschert jedoch unaufgeregt vor sich hin, der Showdown wird hastig auf den letzten Seiten abgehandelt. Dazu passend gibt’s ein relativ offenes Ende, was hoffentlich nicht auf eine zweite Staffel dieser Seifenoper hindeutet.

Rezension: NR. 104
3. Juni 2008

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