Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur

Blücher Startseite » Autoren von A bis Z » Hilsenrath Edgar » Edgar Hilsenrath: Der Nazi & der Friseur

»Ich bin Max Schulz, unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz …« So beginnt Edgar Hilsenraths Roman über den SS-Mann und Massenmörder Max Schulz, der die Identität des Juden Itzig Finkelstein übernimmt und ein angesehener Bürger und Friseursalon-Besitzer in Tel Aviv wird. Der Roman ist „ein blutiger Schelmenroman, grotesk, bizarr und zuweilen von grausamer Lakonik, berichtet von dunkler Zeit mit schwarzem Witz“ (Der Spiegel). „Der Nazi & der Friseur“ ist die Geschichte des Friseurs Max Schulz – geboren und aufgewachsen in einer deutschen Provinz-Stadt. In seiner Kindheit wird er von seinem Stiefvater misshandelt. Zu dieser Zeit freundet er sich auch mit dem jüdischen Nachbarsjungen Itzig Finkelstein an. Von dessen Vater erlernt er das Friseur-Handwerk. Als der Krieg ausbricht, wird Max Schulz SS- Oberscharführer und versieht seinen Dienst in einem KZ. Nach dem Krieg wird er als Massenmörder an Tausenden von Juden verfolgt und schlüpft deshalb in die Identität seines durch ihn umgekommenen jüdischen Jugendfreundes. In der Besatzungszeit macht er mit einem Sack voll Goldzähnen auf dem Schwarzmarkt in Berlin Geld und wandert schließlich als Itzig Finkelstein nach Israel aus. Dort verbringt er als angesehener Friseur seinen Lebensabend und kämpft für die Rechte der Juden. Doch die Vergangenheit lässt ihn nicht los und er sucht nach „einer Strafe für sich, die seine Opfer zufriedenstellt“.

Das Buch wartete lange auf seine Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum: Hilsenrath schrieb es Ende der 60er für einen New Yorker Verlag. Anfang der 70er erschien das Buch in englischer Sprache und wurde aufgrund seines Erfolgs auch ins Italienische und Französische übersetzt. Erst 1977 fand sich ein deutscher Verlag, der den Roman erstmalig in deutscher Sprache veröffentlichte. Der satirische Umgang mit dem Holocaust stieß auf scharfe Kritik:

„Man war sich einig, dass eine Aufarbeitung der Shoa in Form einer bitterbösen, pechschwarzen Satire – noch dazu ausschließlich aus der Täterperspektive geschrieben – völlig unangemessen und deshalb unzulässig sei“. (Nachwort zu „Der Nazi & der Friseur“)

Trotz satirischem und groteskem Charakter ist dieses Buch sicher nicht zum Lachen – es stimmt zum intensiven Nachdenken über die menschliche Grausamkeit und je nach persönlichem Zugang zum Zweiten Weltkrieg löst dieser Roman kontroverse Meinungen aus. Entweder hoch gelobt oder zutiefst verteufelt: Diese Geschichte bleibt jedem sicher lange in Erinnerung.

Edgar Hilsenrath, geboren 1926 in Leipzig, flüchtete 1938 nach Rumänien. 1941 kam die Familie in ein jüdisches Ghetto in der Ukraine.

Hilsenrath überlebte und floh 1945 nach Palästina. 1951 wanderte er in die USA aus und kehrte 1975 nach Berlin zurück, wo er bis heute lebt.

Hörprobe