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Henry James: Eine Dame von Welt

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Diese fast vergessene Novelle des Vertreters der angloamerikanischen Literatur des 19. Jahrhunderts Henry James ist vor kurzem in deutscher Sprache im Aufbau Verlag erschienen. Sie handelt von zwei befreundeten Amerikanern, einem englischen Gentleman und einer bildhübschen Frau, die in die Gesellschaft der europäischen Aristokratie aufsteigen möchte. „Eine Dame von Welt“ ist nicht nur eine hervorragend konstruierte Erzählung mit einer fein skizzierten Frauenfigur im Mittelpunkt, sie beleuchtet auch die gesellschaftlichen Gegensätze zwischen Europa und Amerika in der damaligen Zeit.

Zwei Amerikaner in Paris: Der Privatier Littlemore und sein Freund, der Diplomat Rupert Waterville stoßen bei einem Theaterbesuch in der Comédie-Française auf eine amerikanische Dame. „Ist sie ehrbar?“, ist die erste Frage Watervilles an seinen Freund Littlemore, als er die Schönheit durch das Opernglas betrachtet. Littlemore kann diese Frage nur verneinen. Da er Nancy Beck, so der Name der Frau, von früher aus San Diego kennt, weiß er, dass sie mit ihren 37 Jahren mehrmals verheiratet war und einen unsteten Lebenswandel hat. Sie sei sehr hübsch, gutmütig und gescheit und so ziemlich die beste Gesellschaft in jenen Breiten – ein echtes Kind des fernen Westens, eine Blume der Pazifikküste, ungebildet, keck, grob, aber voller Schneid und Feuer, ausgestattet mit natürlicher Intelligenz und einem sprunghaften, willkürlichen guten Geschmack, erzählt er seinem Freund. Eigenschaften, die für die Westküste Amerikas durchaus ausreichen, um in der Gesellschaft respektiert zu werden. Während Littlemore sich im Theater an Nancy Beck erinnert, ahnt er bereits, dass diese Frau mit mehr Ambitionen ausgestattet ist. Denn es ist kein Zufall, dass er gerade in Paris seine Bekannte wieder trifft.

Ich möchte einen Platz in der europäischen Gesellschaft erobern, aber ich will es auf meine Art tun.

Einige Tage später, als Littlemore seine alte Bekanntschaft, sie heißt jetzt Mrs. Nancy Headways, in ihrem Hotel besucht, kommt diese auch gleich zur Sache: Sie bitte Littlemore ihr bei der Einführung in die englische Gesellschaft zu helfen. Es ist ihr Wunsch, den englischen Gentleman und Baronet Sir Arthur Demesne zu heiraten. Doch aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Vergangenheit setzt das eine Etablierung in der englischen Gesellschaft voraus. Und Littlemore hat ja eine Schwester, die mit einem englischen Adeligen verheiratet ist und in Hamshire wohnt, und damit die ersten Weichen stellen könne. Von dieser Idee ist Littlemore ist alles andere als begeistert. Er weiß, dass es Nancy an den Feinheiten in Umgangsform und Manieren mangelt und dass seine Schwester die „Southern Belle“ keines Blickes würdigen würde. Sie besitzt kein Taktgefühl, keine Diskretion, kein Gespür für Nuancen, meint er. Doch trotzdem ist er überzeugt, dass sie – ganz im amerikanischen Sinne – eine Chance verdiente, denn Sie schien den Wunsch zu hegen, neu bewertet zu werden. Aus diesem Grund – und aus Erwartung eines Amüsements – bleibt er passiv, zieht sich als stiller Beobachter zurück, bleibt jedoch in Kontakt mit Nancy und Sir Arthur.

Doch langsam gerät Littlemore in Bedrängnis. Als sich das Quartett – Littlemore, Waterville, Nancy und Sir Arthur – ein paar Monate in London wiedersehen, spitzt sich die Situation zu. Sir Arthurs Wunsch Nancy zu heiraten wird offensichtlicher. Seine Mutter, Vertreterin des englischen Adels, ist gar nicht einverstanden mit seiner Wahl: Ich weiß nicht, was über ihn gekommen ist; in dieser Familie ist es nicht üblich, solche Personen zu heiraten. Ich halte sie nicht für eine Dame. Sie bittet Littlemore zu sich, um mehr über Nancy zu erfahren, und ihrer Ahnung, dass sie aufgrund ihrer Vergangenheit und Herkunft unmöglich Teil der englischen Gesellschaft sein kann, bestätigt zu bekommen. Zur gleichen Zeit mischt sich auch noch Littlemores Schwester in die Angelegenheit ein. Auch für sie kommt eine derartige Heirat – allerdings aus anderen Gründen – nicht in Frage. Wie wird sich Littlemore entscheiden? Wird er für Nancy sprechen und von ihrer Tadellosigkeit sprechen? Oder rückt er mit der Wahrheit heraus und erzählt der Lady von Nancys Vergangenheit, von der nur er Kenntnis hat? Hält er sie für ehrbar?

Wenn ich es geschafft habe, werde ich perfekt sein!

Henry James spart nicht mit negativ besetzten Adjektiven, wenn es um die Beschreibung der willensstarken Hauptperson geht: Sie ist provinziell, anzüglich, vertraulich, übereifrig, ungebildet, keck, grob,  gedankenverloren und töricht. Es ist schwer eine wirkliche Sympathie mit der Heldin zu entwickeln, auch wenn man ihr eine gewissen Hartnäckigkeit und auch Mut zugestehen muss. Wenn der Autor Sätze wie Sie besaß auch Charme; sie steckte voller Überraschungen. Selbst Waterville musste zugeben, dass eine Prise Unerwartetes in dem Idealbild der in sich ruhenden Frau keineswegs fehlen sollte, einstreut, relativiert er diese eine Zeile später: Freilich gab es zweierlei Sorten von Überraschungen, und nur eine davon war voll und ganz erfreulich, wobei Mrs. Headway unbefangen beide Sorten unters Volk brachte. Die Feststellung Watervilles, dass sie eine sehr mutige kleine Frau sein und ihr gegenwärtiges Unternehmen etwas Heroisches an sich habe. Sie stand allein gegen viele, und die Reihen ihrer Gegner waren dicht geschlossen, erklärt zwar, in welches Minenfeld sich die Möchte-gern-Dame begeben hat, erzeugt aber kein echtes Mitgefühl für die Amerikanerin. Man kann es Littlemore nicht verübeln, dass er zwischen seinem Verständnis, dass jedem eine Chance zusteht und den gesellschaftlichen Konventionen und Regeln den passiven Mittelweg wählt und sich elegant aus der Affäre ziehen will.

„Eine Dame von Welt“ besteht aus zwei Teilen. Der erste spielt in einem Sommer in Paris, der andere im folgenden Frühjahr in England. Henry James erzählt szenisch und chronologisch, zumeist in Form von Dialogen, wobei die Erzählperspektive wechselt und konzentriert sich fast ausschließlich auf die Betrachtungen innerer Vorgänge, Gedanken und Meinungen. Die gesellschaftlichen Unterschiede zwischen Europa und Amerika, der alten und neuen Welt, sowie ihre Auswirkungen auf das individuelle Leben sind Thema dieser Novelle.

Rezension: NR. 347
[ssba]
21. Februar 2016

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