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Heinrich Steinfest: Nervöse Fische

Chefinspektor Lukastik ist fest davon überzeugt, dass es keine Rätsel gibt. Dann wird aber eine Leiche in einem Swimming-Pool gefunden. Eine eindeutig von einem Hai angeknabberte Leiche. In einem Swimmingpool am Dach eines Wiener Hochhauses. Und natürlich findet man zwar die Leiche, vom Hai jedoch keine Spur. Nur ein Hörgerät bildet den Ausgangspunkt für die Ermittlungen des Wiener Kriminalisten Lukastik. Prädikat: abgedreht solider Krimi abseits vom Mainstream. „Das Räsel gibt es nicht“ ist das Mantra des knapp 50-jährigen Wiener Polizisten Richard Lukastik. Wittgenstein ist sein Idol, die Taschenbuchausgabe von „Tractatus logico-philosophicus“ sein philosophischer Begleiter durch den kriminalistischen Alltag. Wenn nun alles logisch erklärbar ist, möchte man einen Krimi erwarten, in dem intelligente Schlussfolgerungen zum Mörder führen. Aber trotz seiner Überzeugung handelt Lukastik laufend instinktiv und Fehlentscheidungen sind vorprogrammiert.

Wie kommt es, dass ein Mann von einem Hai, von einem Carcharhinus leucas (Gemeiner Grundhai) – zerbissen wurde, wenn sich das Ganze in einem Swimmingpool am Dach eines Wiener Hochhauses abgespielt hat? Abgesehen davon, dass es doch vielleicht sein könnte, dass der Fisch dort irgendwie durch menschliche Hand hingekommen ist – wie jedoch hätte das Raubtier im Süßwasser noch Appetit auf menschliches Fleisch haben können? Neben einer zerfetzten Leiche und Splitter von Haifischzähnen findet der Ermittler ein Hörgerät. Und dieses Hörgerät führt die Polizei nach Zwettl, zu einem seltsam anmutenden Gebäudekomplex aus Tankstelle, Hotel und Gaststätte, wo ein Friseur sich offensichtlich nicht nur den Haaren der ländlichen Gemeinde widmet.

Die Geschichte rund um den egozentrischen Einzelgänger Lukastik und sein Team, die Ermittlungen und Spurensuche machen nur die Hälfte des Romans aus. Die Jagd nach dem Mörder ist eine ruhige, anscheinend unspektakuläre – ebenso wichtig sind dem Autor die Schilderungen zwischenmenschlicher Details und austro-philosophischer Ausführungen ganz im Wittgensteinsche Stil über Gott, das Leben und die (Wiener) Welt:

„Etwas, das tot war, sollte zumindest in einem erhitzten Zustand auf den Tisch kommen.“

 

„In manchen Dingen steckt der Wurm, wie er eben auch in der Erde, im Holz und in so manchem guten Apfel steckt. Der Wurm gehört dazu.“

 

„Manchmal bietet sich an, nicht nur darüber zu schweigen, wovon man nicht sprechen kann, sondern auch zu schweigen, wenn sich eine noch so berechtige Aussage schlichtweg nicht lohnt.“

 

„Wenn es denn Heimat wirklich gibt, dann liegt sie wahrscheinlich für die meisten Menschen im Inneren ihres Wagens.“

 

„Wien war ja nicht einfach nur die große Stadt in diesem Land, die geliebte oder gehaßte Hauptstadt, sondern schlichtweg der einzig halbwegs erträgliche Ort, wobei sich das Erträgliche weder aus der kulturellen Vielfalt noch der Liebenswürdigkeit seiner Bewohner ergab – das wäre dann ein Witz gewesen! -, sondern aus dem Umstand resultierte, daß diese Stadt etwas von einer Abschußrampe an sich hatte.“

 

„Ein Blick auf den überfüllten Parkplatz war Beweis genug. Straußeneier war das falsche Wort gewesen. Eher Amalgamplomben.“

Und genau diese Detailverliebtheit, die fast schon ausufernden Ergüsse, die einem eigentlich schon nach dem ersten Kapitel dazu treiben sollten, das Buch in die Rundablage zu schmeißen – genau diese trocken-ironisch-komischen Absätze nahe der Grenze zum Absurden befindlichen Handlung sind es, die das Buch zu einem überraschenden Krimi machen, für den es noch keine Schublade und keinen Vergleich gibt. Ein sehr ungewöhnlicher Krimi mit einer noch ungewöhnlicheren Handlung. Für Krimi-Fans, die nach einer Ausnahme suchen.

Heinrich Steinfest ist ein in Deutschland lebender, österreichischer Autor mit australischen Wurzeln und war in den vergangenen Jahren mehrmaliger Preisträger des Deutschen Krimipreises.

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