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Michael Gerwien: Alpengrollen

alpengrollen

Kitzbühel hat zu München eine besondere Affinität – und umgekehrt. Nicht zuletzt durch ihre gemeinsame Vorliebe für den Wintersport. Warum sollte diese Tatsache also nicht als Basis für einen Alpen-Krimi verwendet werden? Zumal der Autor a) in München lebt und b) ein begeisterter Schifahrer ist. Gerwiens Held in „Alpengrollen“ ist Max, ein früh-pensionierter Kommissar aus München, der eigentlich nur seinen Schi-Urlaub in einem Wellness-Tempel in Kitzbühel verbringen und das Hahnenkammrennen ansehen möchte. Doch nichts klappt: Sein Auto ist kurz vorm Verrecken und sein Luxus-Zimmer in Kitzbühel vergeben. Noch dazu nerven ihn die Anrufe seiner Freundin Monika. Er solle doch bitte schauen, wo Sabine steckt. Sabine ist die Tochter ihrer Freundin Annie, die sich bereits gehörig Sorgen macht, weil das Mädchen – ebenfalls auf Schi-Urlaub in Tirol – sich seit Tagen nicht gemeldet hat. Max landet in einer netten Pension in der Nachbargemeinde St.Johann – just in der Unterkunft, in der auch Sabine übernachtet hat bevor sie verschwunden ist. Doch bevor es ans Ermitteln geht, wird erst ein paar mal flott die Piste runter gewedelt. Ziemlich halbherzig macht sich Max daran, herauszufinden, wo Sabine stecken könnte. Sonne, Schnee, fesche Holländerinnen und der Wunsch, seinen Urlaub zu genießen, bringen Max des öfteren in einen Gewissenskonflikt. Seine Recherchen führen ihn aber dann auf die Spur eines Münchners, der mit Sabine zuletzt gesehen worden ist. Max lässt seine alten Beziehungen zur bayerischen Polizei spielen und der Fall scheint daraufhin gelöst zu sein. Doch schwarze Limousinen, schrankartige Russen und eine Tote auf der Streif geben ihm zu denken und wecken seine kriminalistischen Instinkte.

„Alpengrollen“ ist Michael Gerwiens erster Krimi-Roman, der schon allein wegen des Helden nicht sein letzter sein wird. Der Ex-Kommissar wird nicht zu ausführlich charakterisiert. Es bleiben am Ende noch Fragen zu seiner Person offen und der Autor hat sich damit genügend Spielraum für Folgeromane geschaffen. Gerwiens Schilderungen über den Ur-Münchner in Tirol sind stellenweise witzig und zutreffend, auch wenn man insgeheim hofft, dass so manches doch erfunden wäre:

„Da. Riech mal hier dran!“, forderte sie ihn auf. Sie hatte den Hundenapf hochgenommen und hielt in Max vors Gesicht.
„Ja, brutal!“, rief er aus. „Das rieche sogar ich. Das ist Strohrum. Eindeutig. Welcher Depp hat denn dem armen Tier dieses Zeug da hineingekippt?“ Er bedeutete ihr mit einer schnellen Geste, das Corpus Delicti wieder dort abzustellen, wo es hingehörte, bevor noch einem von ihnen schlecht würde. Schließlich waren sie gerade erst dabei, vollständig auszunüchtern.
„Bestimmt ein betrunkener Depp. Oder?“, meine Johanna.
„Sicher.“ Max nickte nachdenklich.
„Aber der Hund lebt ja noch“, sagte sie. „Schau mal, wie er atmet. Der kommt bestimmt wieder zu sich, wenn er ausgeschlafen hat. Wir sollten Maria aber trotzdem Bescheid geben.“
„Okay. Ich lauf schnell rein und sag es ihr“, verkündete er und war schon weg.
Wenig später kehrte er mit der Wirtin im Schlepptau zurück.
„Tatsächlich. Der ist blau wie ein Veilchen“, bestätigte sie, als sie in die Hütte hineingerochen hatte. „Aber der wird schon wieder, der Rex. Letztes Jahr hat ihm jemand zwei Liter Wein in einer Plastikschüssel vor die Hütte gestellt. Auch beim Hausball. Die hat er bis auf den letzten Tropfen leer gemacht. Er trinkt anscheinend gern, so wie es aussieht. Damals hat er sich ganz schnell wieder erholt.“
Die sind ja echt schräg drauf hier oben, dachte Max. Da muss ich meinem guten alten Vater glatt recht geben. Je näher man der österreichischen Grenze kommt, desto skurriler werden die Leute.

Der Roman gewinnt durch erzählerische Einschübe über ein Mädchen, das geknebelt und gefesselt in einem dunklen Raum liegt und von dem der Leser vermutet, dass es Sabine ist. Die Schilderungen über ihre körperliche Verfassung lässt einen schaudern und gleichzeitig weiter umblättern. Im Kontrast dazu ist es Gerwien gelungen, mit Pulverschnee, Hüttengaudi und einer fürsorglichen Wirtin winterliche Urlaubsstimmung aufzubauen. Da macht es auch nichts, wenn das eine oder andere aus der tiefen Kiste touristischer Klischees hervorgeholt wurde. Das Buch hätte mich mehr überzeugt, wenn das Ende (und damit die Aufklärung des Falls) nicht durch einen herkömmlichen Zufall bestimmt würde.

Rezension: NR. 224
9. März 2011

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