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Kai Meyer: Die Seiten der Welt

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Meine lieben Bücherratten: Dies ist eine Perle der Bibliofantasy-Literatur – nichts für nüchterne Realisten, unromantische Erbsenzähler oder leidenschaftslose Rezipienten der Tagesschau. Hier geht es um Bibliomantik, der geheimen Macht und stillen Kunst, die Magie der Bücher zu nutzen. Die 15-jährige Furia ist eine der wenigen Bibliomanten – zumindest sollte sie demnächst eine sein. Dann, wenn das Seelenbuch sie findet. Noch wohnt sie mit Vater, Bruder, Hausmeister, Köchin und Chauffeur in der Faerfax-Residenz und genießt die Tage ihrer Jugend. Am liebsten treibt sich das Mädchen in den Katakomben herum, wo sich Millionen von Büchern aneinanderreihen und Schimmelrochen sowie Buchstaben-Schwärme ihr Unwesen treiben.

Doch über dem Anwesen hängen dunkle Wolken: Da ist zum einen die Adamitischen Akademie, die die Familie lieber tot sehen möchte. Zum anderen hat sich Furias Vater zur nicht ungefährlichen Aufgabe gemacht, die berüchtigten „Leeren Bücher“, die – so heißt es – einmal alle Bücher der Welt vernichten sollen, auszulöschen. Doch als Furia ihren Vater eines Tages bei der Jagd nach einem Leeren Buch begleitet, überstürzen sich die Ereignisse und plötzlich ist nichts mehr so, wie es war.

Binnen weniger Stunden stirbt der Vater, der Hausmeister und die Köchin liegen tot in der Küche, der Bruder wird gekidnappt und Furia ist auf der Flucht vor der Frau in Schwarz, die ein bestimmtes Buch von Furia fordert. Doch Furia hat keine Ahnung, um welches Buch es sich handelt. Voller Panik, Trauer und Furcht landet sie schließlich in Libropolis, der Stadt der verschwundenen Buchläden. Dort erhält sie Hilfe vom rebellischen Finnian und der eigenwilligen Cat. Und endlich findet sie auch ihr Seelenbuch, eine etwas freche Lektüre mit Rüssel. Zusammen gelingt es ihnen, einigen Rätseln auf die Spur zu kommen.

Sie war jetzt der einzige Mensch zwischen den Büchern, und sie liebte es, liebte sogar die Schatten und das Schweigen und die Gewissheit, dass es auf der Welt nur wenige Orte wie diesen gab. Womöglich nur den einen.

Erneut atmete sie tief ein, saugte den Bücherduft in ihre Lungen und noch heftiger in ihr Herz. Dann tauchte sie ab in die Untiefen der Bibliothek und war bereit, sich allem  zu stellen, was hier leben mochte.

„Die Seiten der Welt“ ist wahrlich ein magischer Roman. Sein Thema ist jedoch nicht neu und viele Handlungselemente werden dem einen oder anderen bekannt vorkommen. Katakomben mit Myriaden von geheimnisvollen Büchern und eine Stadt, die von und mit Bücher lebt, erinnern an Walter Moers‘ „Die Stadt der träumenden Bücher“ oder an Pratchetts Bibliothek in der Unsichtbaren Universität. Sogar Englands berühmteste (und reale) Bücherstadt findet Meyer eine Erwähnung wert: das walisische Hay-on-Wye. Furia kann mit Hilfe von Büchern an andere Orte springen, genau so wie es Thursday Next in Jasper Ffordes Geschichten gemacht hat. Und auch Harry Potter konnte – wie Furia – mittels eines Buches mit jemandem aus einer anderen Zeit kommunizieren. Seit Cornelia Funke wissen wir, dass Romanfiguren auch außerhalb ihrer fiktiven Welt existieren können. Und dass Bücher eine außergewöhnlich magische Kraft besitzen, hat uns Michael Ende mit „Die unendliche Geschichte“ bereits vor 35 Jahren dargelegt.

Man kann dem Autor vielleicht vorwerfen, dass er sich hier eine jede Menge abgeschaut hat. Aber er hat dies und noch mehr zu einer wunderbaren und spannenden Geschichte verdichtet. Ein Buch für Buchliebhaber – großartig erzählt.

Steckt die Kraft der Bibiomantik auch in dir? Offizielle Webseite des Buches

Rezension: NR. 326
Regal: Fantasy / Meyer Kai
13. November 2014