Die Buchblogger mit der Ratte. Wir lieben lesen!

Alex Beer: Die rote Frau

Wiener Krimi - Die_rote_Frau

Ein verzwickter Fall mit einem eigenwilligen und sturen Ermittler. Düstere Schauplätze mit Geschichte, wo die Dekadenz das Proletariat aussticht. Vorgetragen von einer Stimme, die diesem Wiener Krimi Atmosphäre und angemessenen Lokalkolorit einverleibt. Dieses Hörbuch hat die perfekte Mixtur für knapp 8 Stunden Lauschgenuss!

Seit drei Monaten arbeiten nun der ehemalige Polizeiagent August Emmerich und sein Assistent Ferdinand Winter in der Abteilung „Leib und Leben“, der Wiener Mordkommission. Ihr erster Fall („Der zweite Reiter“) bescherte ihnen die Beförderung zu dieser Elitetruppe. Doch anstatt brisante Verbrechen aufzuklären, sitzen die beiden im Büro der Sekretärinnen, kochen Kaffee, transkribieren Verhöre und werden als Krüppelbrigade von den Kollegen schikaniert.

Dabei ist die Abteilung mit einem spektakulären Mordfall schwer beschäftigt. Stadtrat Richard Fürst, ein karitativer Wohltäter, wurde ermordet. Die Ermittlungen gehen schleppend voran. Wie gerne wäre Emmerich dabei. Doch nun muss er sich nach Feierabend auch noch um die extravagante Schauspielerin Rita Haidrich kümmern. Der Hysterie nahe erklärt sie, ihr neuer Film sei verflucht. Das Kommissariat soll sich gefälligst darum kümmern, dass der Film ohne weitere Unfälle und Katastrophen fertiggestellt werden kann. Nicht ganz ohne hinterhältiger Freude beauftragt Oberinspektor Gonska Emmerich, den Hexenjäger zu spielen. Im Gegenzug darf er dann in der Sache Fürst mitarbeiten.

Das Antlitz der Barmherzigkeit

Es dauert nicht lange und Rayonsinspektor Emmerich weiß, was und wer hinter dem Fluch steckt. Doch just im Taumel der Freude, endlich Verbrecher jagen zu können, verhaftet die Polizei den Mörder des Stadtrats. Ein obdachloser Kriegsversehrter aus dem Männerwohnheim soll den Philanthropen gemeuchelt haben. Emmerich hingegen weiß, dass es der Invalide Pepi Navratil nicht gewesen sein kann. Mehr oder weniger auf eigene Faust beginnt er mit Winter der Sache nachzugehen. Sie stoßen auf eine Spur, die sie zur „Misericordiae Vultus“ führt, einem wohltätigen Verein, dessen Symbol eine Frau in einem wallenden Gewand ist. Bald stecken Emmerich und sein Adlatus in einem verwickelten Fall. Ihnen bleiben 72 Stunden, um den wahren Mörder von Richard Fürst zu finden und aufzudecken, was es mit dem Verein auf sich hat. Nichts Gutes, wie man sich vorstellen kann…

Eine Gesellschaft am Rande des Abgrunds

Gleich zu Beginn wird der Zuhörer in das düstere und graue Wien im März 1920 gezogen. Die Stadt leidet an den Folgen des 1. Weltkriegs, die Bewohner unter Armut, Arbeitslosigkeit und Lebensmittelknappheit. Kriegsveteranen, Bettler und Suppenküchen prägen das Stadtbild. Der Glanz des Hauses Habsburg ist erloschen. An seiner statt war eine Republik des Elends getreten, die ihren Einwohnern keine Zukunft bieten konnte.

Zwischen Römerbad, Böhmischer Prater und Hofwaffenmuseum erfährt man viel über das historische Sittenbild in Wien der 1920er Jahre. Die Krimi-Autorin Alex Beer bettet die temporeiche Krimi-Handlung in lebendigen und detaillierten Beschreibungen und Dialogen. Beers zweiter Roman über den mit Hirn und Herz ausgestatteten Inspektor hebt sich wie auch sein Vorgänger wohltuend vom Mainstream ab. „Die rote Frau“ ist nach „Der zweite Reiter“ der zweite Fall des Underdogs August Emmerich. Nachdem ich den ersten Teil mit Freude gelesen habe, war ich gespannt, wie es mit dem Inspektor weitergeht. Dann habe ich die vertonte Version entdeckt und war begeistert.

Ruppig, rotzig, exaltiert

Die Hörbücher holen aus den Geschichten noch viel mehr heraus, was dem Profi-Sprecher Cornelius Obonya geschuldet ist. Der österreichische Burgtheater-Schauspieler, der unter anderem auch den Jedermann bei den Salzburger Festspielen darstellte, bringt vielstimmiges Leben in diesen Wiener Krimi. Den Gonska lässt er poltern, die Haidrich flöten, den ehemaligen General Častolowitz standesgemäß näseln und den Film-Dekorateur böhmakeln. In authentischer Manier spricht Obonya sowohl den breitesten Dialekt des Wiener Proletariats als auch den prätentiösen Soziolekt der Oberschicht. Einfach ein herrlich stimmungsvoller Hörgenuss, bei dem man meint, man wäre live dabei!
Hier kannst du dir die Höbprobe holen oder das Hörbuch downloaden.

Rezension: NR. 399
11. März 2019

Deine Meinung über dieses Buch:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.