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Franzobel: Das Floß der Medusa

franzobel das Floss der Medusa

Leute, das ist keine Kreuzfahrt. Zieht euch warm an und stellt euch eine Tasse Tee mit Rum bereit. Es ist der 18. Juli 1816, 11 Uhr vormittags. Vor der Westküste Afrikas meldet der Toppsmatrose der Argus ein Objekt. Der Kapitän zieht sein Fernrohr und entdeckt am Horizont ein treibendes Floß. Als das Schiff näherkommt, gefriert der Besatzung das Blut. Auf dem maroden Vehikel befinden sich 15 wandelnde Skelette mit Wahnsinn in den Augen. Es sind die letzten Überlebenden, die seit dem Schiffbruch der französischen Fregatte Medusa zwei Wochen zuvor auf diesem Floss ihr Heil gesucht haben. Dieser Roman schildert, wie es zum Schiffbruch kam und warum diese Menschen auf einem Floss ausgesetzt wurden. Eine Geschichte, die keineswegs erfunden ist.

Die Fregatte Medusa war zu ihrer Zeit eines der modernsten Schiffe. Dass Hugues Duroy de Chaumareys (im Roman trägt er den Spitznamen Reizdarm) Kapitän ist, verdankt er allein seiner Geltungssucht. Und in diesem Sinne steuert er das Schiff von Rochefort nach Senegal und reichert seine Minderwertigkeitskomplexe mit einer großen Portion Inkompetenz an. Vor der Nordküste Senegals – sie sind schon fast am Ziel ihrer Reise – steuert er das Schiff auf die Arguin-Sandbank zu. Das Schiff strandet. Selbstredend, dass für alle 400 Menschen an Bord nicht genügend Rettungsboote vorhanden sind. Und klar ist, dass die zahlenden Passagiere in eben diese Rettungsboote verfrachtet werden. Für den Rest, es sind 147 Männer und Frauen, wird notdürftig ein Floß gezimmert. Die Absicht, es mit Hilfe der Boote nachzuziehen, scheitert. Das Floß treibt ab und die Schiffbrüchigen sind auf sich alleine gestellt.

Soweit die Tatsachen, die der österreichische Autor Franzobel zu einem außergewöhnlichen Roman verdichtet hat. Das Buch besteht aus zwei Teilen. Im ersten berichtet er vom Leben auf der Medusa. Wir lernen einzelne Besatzungsmitglieder und Passagiere näher kennen. Die Handlung konzentriert sich häufig auf den unerfahrenen Jung-Matrosen Viktor, der mehr durch Abenteuerlust als aus finanziellen Gründen auf dem Schiff ist. Durch ihn erleben wir die psychische und physische Gewalt durch die Macht des Stärkeren. Der zweite Teil des Buchs handelt von der Grauen erregenden Reise auf dem Floß. Hier tritt der zweite Schiffsarzt, der Vernunftsmensch Henri Savigny, in den Vordergrund. Beide Teile werden von den Ereignissen nach dem Schiffbruch ummantelt. Der Leser erfährt, ob und wie manche der Überlebenden mit dem Trauma fertig werden, und wie der Skandal von der Politik vertuscht wird.


Théodore Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ von 1819. Foto: Wikipedia

Wo kein Brot, da kein Gesetz

Als wäre eine Tragödie zu erzählen nicht genug. Man hätte den vor 200 Jahren stattfindenden Schiffbruch, das unmenschliche Leid und den darauffolgenden politischen Eklat auch ohne stilistische Anreicherungen mit Erfolg schildern können. Doch das ist Franzobel, dem allwissenden Erzähler, nicht genug. Wechselnde Erzählperspektiven, innere Monologe, Leseransprache, Umgangssprache, Situationskomik, Wortspiele: Nichts ist ihm für eine gute Unterhaltung zu schade, alles ist dabei. Die Themen, die er in die Beschreibung der Extremsituation verpackt, sind ebenso zahlreich: Zivilisation, Kannibalismus, Antisemitismus, Kolonialismus, Aberglaube. Über all dem schwebt die hässliche Tatsache, dass die Grenzen der Zivilisation ziemlich schnell überschritten werden, wenn es um das nackte Überleben und den eigenen Vorteil geht.

Auf dem Floß, auf dem sich die Schiffbrüchigen auf die eine oder andere blutige Art selbst dezimieren, werden Moral und Vernunft rasch von Bord getreten. An dieser Stelle blickt der Autor besonders tief in die Abgründe der menschlichen Seele. Die Vernunft, die in Gestalt des Schiffsarztes Savigny auftritt, kann sich gegen die soziale Verrohung nicht durchsetzen. Franzobel beschreibt einen makaberen Mikrokosmos mit offensichtliche Parallelen zur gesellschaftlichen Gegenwart.

Der Schiffsarzt war der Einzige, der seinen goldgelben Uniformrock anbehalten hatte. Auch die Flachsperücke saß noch auf seinem Kopf. Alle anderen hatte sich die Kleider längst vom Leib gerissen, so dass sie nur noch Hosen, einen Lendenschurz oder gar nichts trugen. Auch Savigny litt an der Hitze, aber dieser Rock und die Perücke waren ein Symbol seiner Autorität, ein letzter Rest Zivilisation, die ihn an das erinnerten, woran er einmal geglaubt, wofür er gelebt hatte, an eine bessere, gerechtere Welt. Demokratie! Republik! Eine weltumspannende Union der Bürger! Und nun? Was war von diesen Idealen übrig geblieben? Lohnte es sich noch, für diese Welt zu kämpfen, die in nichts besser war als jene auf dem Floß? einen schrecklichen Gedanken lang ahnte Savigny, dass die zivilisierte Welt und die Floßwelt dieselbe waren, es so oder so kein Entrinnen gab. Da hast du dir eine schöne Scheiße eingebrockt.

Bedrückender Plot, stilistische Finessen, überspitzte Figuren

Zur schauerlichen Handlung gesellen sich überspitzt ausgefeilte Figuren: Um zu wissen, wie sie sich der Autor seine Charaktere vorstellt, vergleicht er sie mit Filmstars: Lino Ventura (1. Offizier), Alain Delon (2. Offizier), Gérard Depardieu (Antoine Richeford), Philip Seymour Hoffman (Kapitän). Damit reißt er den Leser aus dem historischen Roman heraus und katapultiert ihn in die Moderne. Man könnte meinen, er hätte sich für ein potenzielles Casting Gedanken gemacht und die Tatsache, dass manche seiner Stars bereits tot sind, außer Acht gelassen. Mit diesem Kniff verleiht er jedoch der Tragödie eine gewisse humorvolle Leichtigkeit und nimmt ihr an manchen Stellen die todernste Schärfe.

„Das Floß der Medusa“ ist aufgrund der Aufbereitung alles andere als ein traditionell gestrickter historischer Roman. Der österreichische Schriftsteller Franzobel, der eigentlich Franz Stefan Griebl heißt, hat sich viel einfallen lassen, um seine Leser bei Stange zu halten und nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen. Das ist ihm gelungen. Es gibt keine Seite, auf der man sich langweilen könnte. Nicht umsonst steht er mit diesem Werk auf der Shortlist des deutschen Buchpreises 2017.

Rezension: NR. 388
15. September 2017

Deine Meinung über dieses Buch:

1 comment
  • Ich denke dass Franzobel gute Chancen auf den Buchpreis hat, er ist von Anfang an, mein Favorit. Ich lese das Buch auch gerade, bin aber noch mitten drin. Ich finde, dass sowohl Thema, Stil und Umsetzung wirklich besonders sind. Zumindest habe ich eine solche Art des Schreibens noch nicht gesehen. Es ist natürlich an vielen Stellen sehr derb und überspitzt. Das gefällt mir persönlich nicht immer, passt aber natürlich zum Gesamtkonzept. Von der literarischen Perspektive her, ist es auf jeden Fall außergewöhnlich.

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