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Gerhard Roth: Das Labyrinth

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Ein Psychiater, ein Künstler, ein Pyromane, eine Logopädin und ein Schriftsteller sind gleichzeitig Protagonisten und Erzähler dieser Geschichte. Und wie der Titel wirkungsvoll verheißt, weiß der Leser nicht immer ganz genau, wo er sich gerade befindet. Mit Tarn- und Täuschungsmanöver entführt uns Roth in die Welt des Wahns und der Wirklichkeit, der Kunst und Kultur, Religion und Geschichte. Seine literarische Komposition unterlegt Roth mit weniger geistigen Begebenheiten wie Brandstiftung und Mordversuch.

„Das Labyrinth“ ist ein Roman mit einem vertiefenden Bildungsauftrag – für Leser geeignet, die sich gerne ein wenig in die Irre führen lassen und dabei auch noch etwas lernen wollen. Der Roman beginnt mit einem Medienereignis, das besonders uns Österreichern noch in Erinnerung haftet: Der Brand der Hofburg. In der Hofburg hat der Psychiater Heinrich Pollanzy seine Wohnung, seine Arbeitsstätte ist die Nervenklinik Gugging. Besonders zwei Patienten spielen in Pollanzys Leben eine Rolle: der Pyromane und ehemalige Patient Philipp Stourzh und und der verstummte Maler Lindner, der in Gugging im «Haus der Künstler» lebt. Stourzh arbeitet zeitweise als Pfleger in der Klinik und versucht eine Diplomarbeit über den letzten österreichischen Kaiser Karl zu schreiben. Von seiner Passion, dem Legen von Bränden, kann er – trotz Therapie – nicht loskommen. Für Pollanzy ist somit klar, wer der Brandstifter war und versucht Beweise für seine Theorie zu sammeln. Der Pyromane ist vertraut mit dem scheinbar geisteskranken Maler – ihre Leidenschaft zu Feuer und Flamme verbindet sie. Der eine legt sie, der andere malt sie.

Brand der Hofburg steht im Zentrum

Die Hofburg stellt in diesem Roman mehr als nur ein Medienereignis dar – die Hofburg wird zum Sinnbild des Labyrinths stilisiert. Mit unzähligen Stiegenhäuser und noch mehr Räumen hat niemand eine wirklichen Überblick über den Gebäudekomplex, der durch eine kleine Zigarette beinahe komplett zerstört wird. Bei der Begehung des Brands reflektiert Roth über den damaligen Wirtschaftsminister und nimmt das Ereignis zum (einmaligen) Anlass, etwas schmählicher über die damalige (politische) Wirklichkeit zu werden:

„Zur Überraschung aller trag der Wirtschaftsminister ein, ein kleiner, scharfzüngiger Mann, der Höflichkeit und gute Laune vorgibt, aber zu Sarkasmen neigt. Er meditiert gerne in Klöstern und hat auch eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Kaplan oder einem zynischen Steuerprüfer, der mit Vergnügen Fehler in der Buchhaltung aufdeckt. […] Der Wirtschaftsminister hatte genug gehört und fragte nach bemerkenswerten Ereignissen, und wir erfuhren, daß bei den Hofbällen niemand geringerer als Wolfgang Amadeus Mozart die Musik lieferte. Da der Wirtschaftsminister den gleichen Vornamen wie der berühmte Komponist hat, richtet er bei dessen Nennung seine rotgerahmte Brille und zupfte mit beiden Händen an seinem „Mascherl“, das er zum Kennzeichen seiner Person gemacht hatte. […] Der Minister sagte nichts, sondern verschwand hinter einem Schutthaufen und schlug dort eilig sein Wasser ab. Dein Geschlechtsteil war winzig klein, was ich auf die schrecklichen Umstände zurückführte. Anschließend hieß man uns das Dach besichtigen.“

Die nicht immer klare Beziehung zwischen Psychiater, Künstler und Pyromane wird durch den Auftritt eines nicht namentlich genannten Schriftstellers noch heikler, hat doch eben dieser Schriftsteller, der beabsichtigt ein Buch über Lindner zu schreiben, eine Beziehung zu Astrid, der Logopädin, die wiederum mit Strouzh eine Affäre hat und zugleich den Maler therapiert.

Das Buch ist in sechs Büchern unterteilt, worin jeder Protagonist seine Version der Handlungsstränge wiedergibt. Doch nicht immer kann sich der Leser sicher sein, wer nun was erzählt und ob das, was erzählt wird, auch wahr und wirklich ist. Daraus ergibt sich ein konstruiertes Spiel, das Handlungsabläufe verschleiert und den Leser verwirren soll.

Der Brand der Hofburg ist nicht das eigentliche Thema des Buches, auch nicht die Recherchearbeit des Studenten über das Leben des letzten Kaisers von Österreich (eigentlich möchte Stourzh mehr über seine Urgroßmutter, eine Bedienstete des Kaisers, erfahren) und auch nicht, wer und warum dem Psychiater in Spanien ein Auge ausgestochen wird.

Das eigentliche Thema ist ein gehaltvolleres: Die Vermittlung von (Roths) Wissen über Wahn und Wirklichkeit, Geschichte, Kunst, Kultur, Religion, Politik. Auf den Rücken der Protagonisten werden endlose Ausführungen über historische Begebenheiten, Kunstgeschichte und Literatur ausgetragen. Die verschiedenen Fassungen von „Don Quijote von La Mancha“ werden ebenso behandelt wie (ziemlich interessante) Werkinterpretationen verschiedenster Künstler vorgeführt: Velázquez, Turner, Goya, Kafka. Ein Interview mit Otto von Habsburg, ein geschichtlicher Abriss von Toledo, eine Reiseführer-ähnliche Beschreibung von Funchal auf Madeira, wo Kaiser Karl gestorben ist … Der in a abwechselnden Ebenen aufgebaute Roman scheint stellenweise nur noch durch seine Fußnoten zu leben.

„Das Labyrinth“ ist der fünfte Teil von auf sieben Bände konzipiertem Romanzyklus „Orkus“ von Gerhard Roth – wer bereits erschienene Teile gelesen hat, wir hier auf bereits bekannte Persönlichkeiten treffen. Der Roman ist keine leichte Kost, macht aber seinem Titel alle Ehre: ein virtuos konstruierter Irrgarten.

“Ich nahm mir vor, ein Buch zu schreiben über die Könige, die Geisteskranken und die Künstler – und nicht zuletzt über mich selbst.“

Gerhard Roth

Rezension: NR. 75
[ssba]
4. Dezember 2007

Deine Meinung über dieses Buch:

1 comment
  • Martha sagt:

    Also ich fand Schatten des Windes ganz ok. Am Anfang war es super spannend, doch irgendwann war alles durchschaubar und alles sehr verwirrend und abstrus. Und trotzdem konnte ich es nicht weglegen und musste es zu Ende lesen. Deshalb werde ich mir wohl auch sein jetziges zu Gemüte führen. Bin mal gespannt.

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