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Neil Gaiman: American Gods

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Shadow wird aus dem Gefängnis entlassen. Eigentlich möchte er nur noch in die Badewanne, seine Frau mehrmals beglücken und zukünftig allem Ärger aus dem Weg gehen. Doch es kommt anders: Seine Frau Laura stirbt zusammen mit seinem besten Freund bei einem Autounfall wenige Tage vor seiner Entlassung und Shadows Zukunftspläne lösen sich in Luft auf. Trotzdem bucht er einen Flug nach Hause und er begegnet – keineswegs zufällig – immer wieder einem seltsamen Mann, der ihm einen Job anbietet. Zunächst lehnt Shadow jedes Mal ab. In einer abgelegenen Bar jedoch kann der Fremde, der sich – weil gerade Mittwoch ist – Mr. Wednesday nennt, Shadow überzeugen. Und so wird der Ex-Sträfling der Chauffeur von Mr. Wednesday, der in Wirklichkeit niemand Geringerer als der Göttervater Odin ist. Zusammen machen sie sich auf die Reise quer durch Amerika mit einem Ziel: Vorkehrungen für die letzte und entscheidende Schlacht gegen die Götter der Moderne zu treffen. Die Götter der alten Welt haben an Macht eingebüsst. In Amerika der Jetztzeit sind Naturgeister wie Leprechauns oder Wrukolakas schon lange in Vergessenheit geraten. An Namen wie Anansi oder Tschernobog kann sich ebenfalls keiner mehr erinnern. Stattdessen herrschen neue, moderne Götter: Konsum, Technik und Medien.

Und aus den einst stattlichen und einflussreichen Gestalten aus Europa, Afrika und Asien sind heruntergekommene Versager geworden, die nicht einmal mehr an sich selbst glauben. Horus, einst ägyptischer Himmelsgott, lebt nur noch als Gestalt eines Falken und ernährt sich von Tieren, die auf Straßen überfahren wurden. Alwis, der König der Zwerge, arbeitet in einem Vergnügungspark. Und Bastet, die Tochter des Sonnenkönigs Re, lebt als Katze im Haushalt der Bestattungsunternehmer Jacquel & Ibis.

Wednesday alias Odin klappert mit Shadow alle ab, um sie für die entscheidende Schlacht zu gewinnen und vorzubereiten. Shadow kommt erst im Laufe der Geschichte drauf, um was es geht und welche Rolle er dabei spielt. Dass ihm bei seiner Reise immer wieder seine tote Frau Laura besucht und mysteriöse Träume, in dem ein Büffelmann sonderbare Botschaften zu vermitteln versucht, bringen auch nicht mehr Licht in das verwirrende Spiel um seine Person.

Shadow hätte beinahe die Hände vom Steuer genommen, um ihr zu applaudieren. Stattdessen sagte er: „Okay. Wenn ich Ihnen also erzähle, was ich weiß, werden Sie mich nicht für verrückt halten.“

„Kann sein“, sagte sie. „Stellen Sie mich halt auf die Probe.“

„Würden Sie glauben, dass alle Götter, die sich die Menschen je vorgestellt haben, heute immer noch unter uns sind?“

„… unter Umständen.“

„Und dass es da draußen neue Götter gibt, Götter des Computers, des Telefons und was auch immer, und dass sie alle der Ansicht zu sein scheinen, dass es auf der Welt nicht genug Platz für beide Seiten gibt? Und dass wahrscheinlich eine Art Krieg bevorsteht?“

„Und diese Götter sollen die beiden Männer getötet haben?“

„Nein, meine Frau hat die beiden Männer getötet.“

„Ich dachte, Sie hätten gesagt, Ihre Frau ist tot.“

„Ist sie auch.“

„Dann hat sie sie also umgebracht, bevor sie gestorben ist?“

„Danach. Fragen Sie nicht.“

Sie hob die Hand und wischte sich die Strähnen aus der Stirn.

Sie hielten in der Main Street vor der Kneipe an. Das Schild über dem Fenster zeigt einen überrascht dreinschauenden Hirsch, der auf den Hinterbeinen stand und in den Vorderläufen ein Glas Bier hielt. Shadow nahm die Tüte mit dem Buch und stieg aus.

„Warum sollten sie Krieg führen?“, sagte Sam,. „Das kommt mir irgendwie nutzlos vor. Was gibt es denn da zu gewinnen?“

„Ich weiß nicht“, gestand Shadow.

„Es ist leichter, an Außerirdische zu glauben als an Götter“, sage Sam. „Vielleicht waren Mistern Town und Mister Soundso ja Men in Black, nur von der außerirdischen Sorte.“

Sie standen vor der Kneipe auf dem Bürgersteig, und Sam verharrte dort. Sie sah Shadow an, während ihr Atem wie eine blasse Wolke in der Abendluft hing. „Sagen Sie mir einfach, dass Sie einer von den Guten sind“, sagte sie.

„Das kann ich nicht“, sagte Shadow. „Ich wollte, ich könnte es. Aber ich tue mein Bestes.“

Sie biss sich auf die Unterlippe und ließ ihn nicht aus den Augen. Dann nickte sie. „Das reicht mir“, sagte sie. „Ich werde Sie nicht anzeigen. Sie dürfen mir jetzt ein Bier ausgeben.“

Neil Gaiman hat sich eine gute Frage für dieses Buch zurecht gelegt: Was passiert mit den Göttern und Sagengestalten, die von Einwanderern in die Neue Welt mitgebracht wurden und dann im Laufe der Zeit vergessen wurden? Passen sie noch in unsere Zeit oder haben ihnen andere, neue Götter bereits den Rang abgelaufen? „American Gods“ ist komplexes Fantasy, bei dem es sich lohnt, auf Kleinigkeiten acht zu geben und mitzudenken. So richtig interessant wird das Buch erst, wenn man nach den in der Handlung verstrickten Personen googelt oder – in analoger Manier – ein Lexikon zur Hand nimmt.

» Leseprobe „American Gods“

Rezension: NR. 210
28. Dezember 2010

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