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Jess Kidd: Der Freund der Toten

Jess Kidd Der Freund der Toten Krimi Irland

Was für eine Geschichte! Dieses Buch ist eines, das dafür sorgt, dass man vergisst, einkaufen zu gehen, und zu spät zum Termin kommt. Die Augen kleben am Buch, die Finger geben es bis zur letzten Seite nicht her. Also, liebe Bücherratten, wenn ihr magisch veranlagt seid und einen guten Krimi aus Irland schätzt, dann ist das euer Buch.

Unser Held heißt Mahony, ist 26 Jahre alt, gut aussehend und charmant. Mit den alten Cowboystiefel, der schwarzen Lederjacke, den langen Haaren und dem unrasierten Gesicht kommt er etwas abgewrackt daher, was seine Anziehungskraft jedoch nur noch verstärkt. Im April 1976 kreuzt dieser schneidige Bursche in Mulderrig an der irischen Westküste auf, um Licht in seine nebulöse Vergangenheit zu bringen. Mahony ist Weise. Zumindest ist er bis vor seiner Reise davon überzeugt. Ein Brief und eine Fotogratofie, beides vom Waisenhaus, in dem er aufgewachsen ist, belehren ihn eines Besseren.

Dein Name ist Francis Sweeney. Deine Mammy war Orla Sweeney. Du bist aus Mulderrig, County Mayo. Das ist ein Foto von dir und ihr. Zu deiner Information: Deine Mammy war die Schande von Mulderrig, deshalb hat man sie dir genommen. Sie lügen alle, also sei auf der Hut und zweifele nicht daran, dass deine Mammy dich geliebt hat.

Zunächst nimmt man den Fremden im irischen Dorf freundlich auf. Mahonys Wesen und seine Art, mit den Leuten umzugehen, kommt an. Schnell ist nach dem fünften Bier im örtlichen Pub eine Bleibe organisiert. Und so lernt der junge Mann Rathmore House und seine Bewohner kennen: Shauna, ihren Vater Desmond und vor allem die greisenhafte Mrs Cauley.

Mrs Marple mit Eiern

Eine Leselampe wirft ein Gespinst aus Licht über die Frau im Bett: Sie ist sehr alt und kahlköpfig und greift nach einer Perücke, die über dem Bettpfosten hängt. Sternbilder aus Altersflecken mustern den wächsernen Schädel.

„Warten Sie, bis ich präsentabel bin, Besucher. Ich präpariere eine ansehnliche Fassade.“

Es ist die nur noch mit spärlichem Kopfhaar ausgestattete Mrs Cauley (weswegen sie nur gewagte Perücken trägt), die Mahony von Beginn an in Beschlag nimmt. Ihr ist ziemlich schnell klar, wer der Neue ist, und was er vorhat. Grund genug, für diese Geschichte die Rolle der hellsichtigen Mrs Marple zu besetzen, um herauszufinden, was vor 26 Jahren, als Orla Sweeney einen Bastard auf die Welt brachte, passierte. Ging sie, wie es das ganze Dorf behauptet, freiwillig aus Mulderrig weg? Oder wurde sie 1950 von jemandem aus dem Dorf umgebracht?

Als sich herumspricht, wessen Sohn er ist, stößt Mahony auf Ablehnung und Hass. Bis auf ein paar wenige, haben Orla als eine bösartige Hexe und Schlampe in Erinnerung. Besonders der krumme Pfarrer der Gemeinde setzt alles daran, Orlas Nachkommen aus dem Dorf zu treiben. Es sieht lange so aus, als bekämen Mrs Curley und ihr Schützling bei ihren Nachforschungen wenig Hilfe. Die zwar betagte, aber quirlige und mutige Ex-Schauspielerin mit Vorliebe für Brandy, ist aber mit allen Wassern gewaschen und spinnt einen ausgetüftelten Plan.

Soweit zum Krimi. Jetzt kommt Magie.

Parallel zum Dorf-Krimi, lässt die Autorin fantastische Muskeln spielen: Es beginnt mit dem Auftritt des kleinen Mädchens Ida, das ein gelbes Jo-Jo schwingend, Mahony auf der Straße begegnet. Sie beginnt eine Unterhaltung mit ihm und will Verstecken spielen. Aber als er sich umdreht, sieht Mahony, dass ihr Hinterkopf nicht da ist. Und trotz des sich ausbreitenden Zittern weiß er genau, was er gesehen hat: Ein totes Kind mit zertrümmerten Schädel und einem süßen kleinen Lächeln.

Mayhony begegnet den Toten von Mulderrig. Er kann sie sehen und er spricht mit ihnen: mit Ida,  Mutter Doosey, mit Johnnie, dem Verlobten von Mrs Curley, und mit Father Jim, dem Pfarrer, der kurz vor Orlas Verschwinden, gestorben ist. Eigentlich müsste man erwarten, dass Mahony ziemlich schnell herausfindet, was mit Orla geschehen ist, aber da Tote nur ein eingeschränktes Gedächtnis haben und leicht abzulenken sind, steht diese Informationsquelle nur bedingt zur Verfügung.

Wenn die Toten versuchen, sich an etwas zu erinnern, bemühen sich die Lebenden umso mehr, es zu vergessen, das ist eine allgemeine uneingestandene Wahrheit. […]

Wie soll er Mrs Cauley erklären, dass Father Jim bloß noch ein schwacher Abklatsch des Mannes ist, der er zu Lebzeiten war? Dass sein Verstand, falls „Verstand“ das richtige Wort ist, wie bei jedem anderen toten Menschen aufgehört hat zu existieren? Denn weder verändern sich die Toten noch wachsen sie. Sie sind bloß Echos der Geschichte ihres eigenen Lebens, falsch herum gesungen. Sie sind das Muster auf den geschlossenen Augenlidern, nachdem du etwas Helles gesehen hast. Sie sind doppelt belichtete Filme. Sie sind nicht wirklich da, weshalb Ursache und Wirkung für sie keine Bedeutung haben.

Diese Begegnungen mit den Verstorbenen sind manchmal witzig, manchmal traurig und ab und zu ein bisschen creepy. Wenn durch die Geschichte auch noch eine Elfe oder ein Leprechaun gehüpft wäre, hätte es mich auch nicht gewundert. Aber so weit geht die Autorin nicht. Sie baut stattdessen Dorfbewohner ein, die Vorsehungen haben, welche, die einen Ring aus Steinen um das Haus anlegen und aus Angst vor dem schönen Volk keine Untertasse mit Milch vor die Tür stellen. Der allwissende Erzähler berichtet auch noch von angreifenden Büchern, selbstständig agierende Rußwolken und wie eine Quelle den (katholischen) Pfarrer heimsucht und Frösche in das Dekolleté der Haushälterin hüpfen lässt. Zuviel des Guten? Ganz und gar nicht.

Ein fantastisches Debüt

Eine Vergangenheit voll mit schauerlichen Geheimnissen, ein durchdachter Krimi, eine Prise schwarzer Humor und viel Fantasie. Leserherz, was willst du mehr? Eine Sprache, die alle Komponenten erst in die richtige Form bringt, eine Sprache, die sowohl Magie als auch Spannung transportiert und detailgetreue Bilder im Kopf des Lesers erzeugt. Kidds Schreibstil ist fast schon lyrisch und von einer beeindruckenden Bildsprache, die in diesem Genre nur selten zu finden ist.

Ihr werdet Mrs Curley lieben, die Witwe Farelly hassen, den im Wald lebenden Einsiedler ziemlich suspekt finden und Ida ins Herz schließen. Dieser außergewöhnliche Debüt-Roman der englischen Autorin Jess Kidd schafft eine dunkle und unvergessliche Welt. Ich werde mehr von ihr lesen und freue mich schon auf das nächste Buch.

Rezension: NR. 391
2. Oktober 2017

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