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Ian McEwan: Solar

solar

Michael Beard ist Physiker und Nobelpreisträger. Doch seine Zeit, als er sich noch intensiv mit der Wissenschaft beschäftigt hat sind lange vorbei. Michael ist fett und träge geworden, leitet eher pro forma ein Institut für Erforschung erneuerbarer Energien, gibt seinen Namen für Briefbögen her und hält Vorträge. Sein Assistent Aldous, der sich mit seinem jugendlichen Elan Gedanken über Klimawandel und Ökologie macht, geht ihm auf die Nerven. Seine Frau ist seinen zahlreichen Seitensprüngen überdrüssig, macht einen Handwerker zu ihrem Liebhaber und straft Michael mit Nichtachtung. Als Michael von einer Reise zum Nordpol in sein Haus zurückkehrt, ist es kurioserweise ein Eisbärfell, der seine Karriere wieder auf Vordermann bringt und seiner fünften Ehe ein Ende setzt. Beard hatte eigentlich bei seiner Rückkehr eher seinen Nebenbuhler, den Handwerker Rodney Tarpin, erwartet. Doch es ist sein Assistent Aldous, der mit nassen Haaren und mit Beards Morgenmantel im Wohnzimmer sitzt. Beard begreift schnell, dass seine Frau Patrice mehr als einen Liebhaber unterhält und stellt zuerst mal Aldous zur Rede. Beards Abneigung zu dem ehrgeizigen Nachwuchswissenschaftler mit dem Pferdeschwanz schlägt in offene Feindschaft um und endet in einem Desaster:

Aldous, der es einfach nicht wahrhaben wollte, lief kopfschüttelnd, mit aufgerissenem Mund, in dem man seine riesigen Zähne sah, und ausgestreckten Armen auf ihn zu, vermutlich in der Absicht, Beards Knie zu umklammern und um Gnade zu winseln. Die hätte er gewiss auch erlangt, denn Beard lag nichts daran, seine häusliche Niederlage vor Braby und damit vor dem ganzen Institut ausgebreitet zu sehen. Der Chef, betrogen und zum Narren gehalten von einem der Pferdeschwänze. Doch Aldous kam nie bei Beard an, er schaffte es kaum zwei Meter der Strecke. Das Eisbärenfell auf dem polierten Parkett erwartete ihn. Es erwachte zum Leben. Als sein rechter Fuß auf dem Rücken des Bären landete, machte er einen Satz nach vorn und reckte das offene Maul mit den gelben Zähnen in die Luft. Aldous‘ Beine hoben ab, für den Bruchteil einer Sekunde schwebte sein beträchtlich langer Körper waagerecht über dem Boden, dann schwangen die Beine gar noch höher, und er reckte instinktiv die fuchtelnden Arme nach unten, um den Sturz abzufangen, aber dann war es doch sein Hinterkopf, der als Erstes aufschlug, nicht auf den Boden, nicht auf die Kante, sondern auf die abgerundete Ecke des Glastischs, die ihm stumpf ins Genick eindrang.

Eine tiefe, drückende Stille senkte sich über den Raum. Mehrere Sekunden vergingen.

Zunächst ist Bear noch schockiert, als er Aldous‘ Tod feststellt. Doch der Bestürzung folgen nüchterne Gedanken, denn wie soll er denn der Polizei diese Situation plausibel erklären…

Die Sache war klar. Nur die ihn liebten, würden ihm glauben. Und ihn liebte niemand.

Für Beard gibt es nur einen Ausweg, um Karriere und Privatleben abzusichern. Er arrangiert den Unfall wie einen Mord und schiebt das Ganze dem ersten Liebhaber, dem Klempner Tarpin, unter. Die Rechnung geht auf und Beard profitiert auf allen Ebenen: Tarpin wird verurteilt und Beard von seiner fünften Ehefrau geschieden. Als Draufgabe zur wiedergewonnenen Freiheit „erbt“ Beard auch noch Aldous‘ Forschungsarbeit über die Verwendung von künstlicher Photosynthese zur Energiegewinnung. Überzeugt davon, dass er der einzige ist, der von diesen Unterlagen weiß, verkauft er die revolutionäre Idee als die seine und macht damit das Geschäft seines Lebens. Als aber das Versuchsmodell eines derartigen Kraftwerks kurz vor der Inbetriebnahme steht und damit Beard der Welt beweisen kann, dass er der Größte und Beste ist, bricht sein Leben wie ein Kartenhaus zusammen.

Beards oft chaotische Vergangenheit glich einem reifen, stinkenden Käse, der klebrig über seine Gegenwart troff, doch diese Geschichte hier war zu etwas Gesterem geronnen, eher Parmesan als Epoisses.

Der Protagonist ist wahrlich kein Charakter, den man sympathisch finden könnte. Michael Beards verkorkstes Leben wird durch seinen Trieb nach Alkohol, Essen und Frauen bestimmt. Er lügt und betrügt, ist ausschließlich auf seinen Vorteil bedacht und im Umgang mit seinen Mitmenschen oberflächlich und ignorant. Ganz wie man es von Ian McEwan gewohnt ist, krempelt ein schicksalhafter Moment das Leben des Protagonisten von einem Moment auf den anderen komplett um. Und wie auch in seinen anderen Büchern zieht der Autor auch in „Solar“ sämtliche psychologischen Register, um das menschliche Verhalten gekonnt zu skizzieren.

Das Thema, das McEwan in diesem Buch behandelt, ist relativ neu in der Welt der Literatur: Es ist eines der ersten Bücher, die sich mit dem Klimawandel und erneuerbare Energien auseinandersetzt und immer wieder auf gegenwärtige Entwicklungen hinweist. Ebenfalls ungewöhnlich ist McEwans satirischer Unterton. Hier war ich völlig überrascht, denn witzige und ironische Situationen ist man von ihm ja nicht gewohnt. Auch wenn gerade das manchen Fan des englischen Literaten sauer aufstößt – mir hat der Roman außerordentlich gut gefallen. Somit ist man sich neben der intelligent gesponnen Handlung mit zahlreichen spannenden Konflikten auch stellenweise einige Lacher sicher.

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Rezension: NR. 206
1. Dezember 2010

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