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Stefan Slupeztky: Das Schweigen des Lemmings

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Und die Geschichte des Leopold Wallisch – vulgo Lemming – geht weiter: Der Lemming arbeitet nun schon eine geraume Zeit im Schönbrunner Zoo als Nachwächter („der Tiefpunkt seiner Karriere“) und ist mit seiner Freundin, der Klara, noch immer zusammen. Ein beschauliches Leben ohne Mord und Totschlag also, wenn er nicht eines Nachts einen toten Pinguin im Polarium finden würde – erhängt mit einer roten Schnur, im Schnabel einen Zettel haltend, auf dem sich nichts als eine merkwürdige Zahlenkombination befindet. Als der Lemming dann auch noch den Auftrag bekommt, dem Tiermord nachzugehen, erwacht seine detektivische Spürnase. Eigentlich hätte der Lemming in der Nacht des Pinguin-Mordes keinen Dienst. Aber als sein Kollege Josef Pokorny überraschend wegen eines Akkordeon-Konzerts nach Linz muss, übernimmt der gutmütige Lemming die Nachtschicht. Als der Lemming von Kommerzialrat Hörtnagl, dem wichtigsten Geldgeber des Schönbrunner Zoos, mit der Aufklärung des Tiermords beauftragt wird, ist der Pokorny Lemmings erste Spur. Gleichzeitig kommen ihm schon die ersten seltsamen Vorahnungen: Warum soll der Lemming und nicht die Polizei den Mord aufklären? Und warum ist sein Auftraggeber nicht der Chef sondern „nur“ der Mäzen des Zoos, der ihm noch dazu mit einem Patzen Geld ausstaffiert?

Doch der Lemming zweifelt nicht lange sondern folgt seiner Spürnase, die ihn immer weiter weg von der Tier- zur Kunstschau führt. Auf der Suche nach dem verschwundenen Pokorny gerät der Lemming immer weiter in die Wirrungen der Wiener Kunstszene und plötzlich rückt der legendäre Diebstahl der Saliera aus dem Kunsthistorischen Museum ins Zentrum der Ermittlungen.

Vom Schönbrunner Tiergarten ausgehend, greift Slupetzky mehr denn je zum Rundumschlag in Politik, Magistrat, Kunst und Kultur. Wortgewandt sind die Exkurse über Wiener Eigenheiten…

Das Du gilt hier beileibe nicht als Zeichen der Verbrüderung, vielmehr bringt es die größte denkbare Distanz zum Ausdruck, die zwischen kommunizierenden Menschen herrschen kann, sei es nun eine altersbedingte, hierarchische oder emotionale. Selten wird man im Kampfgetümmel des tobenden Wiener Autoverkehrs den Ausruf „Können S’net blinken, Sie g’schissener Trottel, Sie depperter?“ vernehmen; nein, spontane Schmähungen gehen in der Regel mit einem verächtlichen Du einher.

…Modernes wird kritisch…

Diese so genannten Langen Nächte sind ja erst in den letzten Jahren so richtig bei uns aufgekommen: Es gibt die lange Nacht der Museen, die lange Nacht der Kirchen, die lange Nacht der Sterne, der Technik, des Kabaretts und so weiter. Fehlt noch die lange Nacht der Toiletten oder der Friedhöfe…

Wenn Mutter Fadesse und Vater Herdentrieb Nachwuchs bekommen, heißt der Eventkultur.

…und Menschliches philosophisch betrachtet:

Wenn das menschliche Gedächtnis einem sperrigen Schrankkoffer gleicht, den man selbst dort noch mit sich schleppt, wo man allerhöchstens eine Zahnbürste braucht, dann ist der Alkohol wie ein freundlicher Page, der einem dieses lästige Gepäckstück abnimmt.“

Und zwischen all den flotten und witzigen Ausführungen und -schweifungen gibt’s eine lebhafte Handlung mit typischen Wiener Gestalten (halt ohne Krotznig, der ist im 2. Teil gestorben), die – sehr geschickt ausgetüftelt – noch ausgereifter als die ihrer Vorgänger („Der Fall des Lemming“ und „Lemmings Himmelfahrt„) erscheint.

Rezension: NR. 154
19. Oktober 2009

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