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Stefan Slupetzky: Besuch von Glorf

Drimmel, Holk und Drüs vom Planeten Glorf sind auf Bildungsreise, um ein Schulbuch mit dem Titel „Kalter Kosmos, wilde Welt – Mit dem All auf Wir und Wir“ zu verfassen. Viele Monate schon sind sie unterwegs – bis sie endlich auf ein mit Leben ausgestatteten Forschungsobjekt stoßen: die Erde. Als einer der ersten Bewohner kommt ihnen ein Kuh unter – ein etwas unzureichender Untersuchungsgegenstand. Aber auch der dazugehörige Bauer Fladnitzer ist dem Wissensdurst der Aliens nicht gewachsen – und so wird der pensionierte Dorfschullehrer Bemmerl auf das Raumschiff gebeamt, um den ausserirdischen Schülern unser Dasein beizubringen.

„Guten Morgen, die Herren“, riss er in jahrzehntelang praktizierter Manier das Gespräch an sich, noch ehe es begonnen hatte. „Wie ich höre, bedürfen Sie gewisser Unterweisungen. Nun, mir soll’s recht sein, solang Sie sich der Sache mit dem gebotenen Eifer widmen. Haben die Herren noch Fragen, bevor ich beginne?“

„Haben wir“, antwortete Holk. „Was, bitte, ist Beruf? Und was ist König und Räuber?“

„Und was“, fügte Drimmel hinzu, „ist Fachmann? Und Geld? und was ist kaufen?“

„Und wie“, ließ sich nun auch Drü vernehmen, „wie schmeckt es, wenn man einander isst?“

Julius Bemmerl seufzte. Natürlich hatte er bereits geahnt, welch schweres Stück Arbeit hier auf ihn wartete (der sichere Blick des altgedienten Pädagogen ließ ihn nie in Stich), aber das Ausmaß der Unwissenheit dieser Dreiäuger erstaunte ihn nun doch ein wenig.“

Die Zwyglorfs sind schon anders als die Erdlinge: im Gegensatz zu uns ernähren sie sich wirklich von Kompost, tierisches Leben oder unsere nie enden wollende Artenvielfalt kennen sie nicht. Ebensowenig Sex mit jemand anders. Die Bevölkerungsdichte wird strikt eingehalten, auf die lebenserhaltende Flora peinlich geachtet. Und so ist es nur menschlich, dass einige vom Dorschullehrer Bemmerl vermittelten Sachverhalte in die falsche Röhre geraten. Zu Anfangs sind diese Irrtümer noch witzig, führen jedoch schlussendlich zu kannibalistischen Taten.

Bemmerl erzählt also den drei Aliens, wie es so zugeht – auf unserem Planeten. Wie funktioniert Wirtschaft, wie Politik und Krieg, was ist Liebe und Religion (hier: Auftritt des Papstes!). Aber alle angesprochenen Themen kreisen um einen zentralen Punkt: Herrschaft und Macht. Zumindest ist dies die Essenz, die der bordeigene Prosagenerator aus Bemmerls Lehrstunden zieht. Der nämlich verarbeitet das gesammelte Wissen in Geschichten – ein automatisierter Geschichtenlieferant sozusagen. Und bei diesen Geschichten, die als satirische Parabeln zu verstehen sind, stehen unsereins die Haare zu Berge und das Lachen bleibt im Halse stecken… Sind wir wirklich so? So arg?

Das kurzweilige Buch lebt von diesen Parabeln, die das Leben auf der Erde auf die Spitze bringen. Herrlich die Western-Geschichte, die einem die Politik nahebringt, faszinierend wie Johann eine Arche baut und später die einzigen Tiere an Bord, Ratten, umbringt, bestürzend, wie Bob Doors und Jim Tree (!) den Islam stürzen. Der Wiener Autor Stefan Slupetzky schenkt dem Leser ein – die Aliens sind eigentlich nur Halter des verzerrten Spiegels, der uns vorgehalten wird. Ein witziges, nachdenkliches Lese-Vergnügen.

Rezension: NR. 97
29. April 2008

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