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Virginia Doyle: Die schwarze Schlange

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Kommissar Hansen ist Kriminalist und Chef der Polizeiwache Davidstraße unweit der Reeperbahn in Hamburg. Trotz Mord- und Totschlag im Vergnügungsviertel könnte der gewissenhafte Polizist in aller Ruhe seinem Beruf nachgehen, wäre nicht das Land in fester Hand der Nationalsozialisten. Aber Anfang der 1940er Jahre sind ehrliche und menschliche Schupos nicht gern gesehen. Und schon gar keine, die nicht Mitglied der Partei sind. Und so wird Hansen kurzerhand nicht nur seines Posten als Chef der Davidwache enthoben und degradiert, er bekommt obendrein auch noch zwei scheinbar unlösbare Mordfälle aufgebrummt. Doch Hansen ist ein alter Hase auf dem kriminellen Pflaster der Reeperbahn und einer, der sich nicht so schnell aus der Fassung bringen lässt. Die Reeperbahn, einst strahlende und lebendige Vergnügungsmeile, hat Musik, Tanz und Prostitution in Hinterzimmer und Kellerräume verlegt, denn ab dem frühen Abend herrscht Verdunkelungszwang und Ausgehverbot. Tanzen zu ausländischer Musik ist rechtswidrig, ebenso ist es Jugendlichen nach Einbruch der Dunkelheit untersagt, sich auf den Straßen herumzutreiben. Und wer nicht spurt, wird von der HJ abgeschoben. Aber trotz Verbote und Strafmaßnahmen gibt es junge Leute, die „Swingheinis“ und „Swingbabies“. Sie haben ihr Leben amerikanischer und englischer Musik verschrieben und rebellieren durch Kleidung und Auftreten gegen die Diktatur.

Tanzen war verboten, Swingmusik war verboten, aber diese jungen Leute liebten nichts so sehr, wie auf Swingmusik zu tanzen. Kam dann noch das Abhören von Feindsendern hinzu, wurde hart durchgegriffen, und die Delinquenten landeten bei der Gestapo im Stadthaus oder im KZ Fuhlsbüttel. Die Jugendschutzbeauftragten des Reiches hatten härtere Maßnahmen gegen die „aufmüpfige Bande“ angeordnet, wie Revierleiter Kelling sie nannte. Und so hatte man auf der Davidwache alle Hände voll zu tun, den fehlgeleiteten jungen „Volksschädlingen“ die Leviten zu lesen. Aber statt dass man dem Übel beikam, schienen es immer mehr zu werden, die an den Wochenenden nach St. Pauli aufbrachen, um sich hier zu vergnügen.

Als sich Hansen gerade um eine Gruppe von der HJ aufgegriffenen Swingheinis kümmert, wird er zu einem Mordfall gerufen. Ein Chinese liegt tot auf dem Gehsteig der Schmuckstraße – seltsamerweise hat jemand um die Leiche Teelichter platziert. Als Hansen zusammen mit dem Amtsarzt die Leiche untersucht, machen sie zwei Entdeckungen: Zum einen wurde der Chinese sehr gekonnt mit einer schmalen Klinge ermordet. Zum anderen entdecken sie eine Tätowierung in Form einer schwarzen Schlange am rechten Schulterblatt. Als später noch ein junger Deutscher in einem Keller tot aufgefunden wird, der die selben Merkmale ausweist, kommt Hansen ins Grübeln. Er ahnt, dass die Mordfälle System haben und dass die Swingheinis irgendwie mit der Sache zu tun haben. Im Laufe der Geschichte begreift Hansen ebenso, dass er bei seiner Arbeit von der Obrigkeit willkürlich ausgebremst wird. Er merkt, dass er auf der Abschussliste steht und dass speziell sein Vorgesetzter Kelling darauf wartet, dass er einen Fehler macht.

Und genau das ist dein Problem, Hansen, sagte er sich: Dein Verständnis von Polizeiarbeit passt nicht mehr in die Zeit. Die wollen doch was ganz anderes als ich. Die wollen, dass wir ihnen die Fakten so zurechtlegen, wie sie sie gebrauchen können. Wir haben ja keine Gesetze mehr. Wir haben nur noch den Staat und seine Macht. Und die Gestapo. Und Feiglinge wie Kelling. Richtige Polizisten gibt es nicht mehr. Reichspolizei sind wir jetzt. Das scheint was anderes zu sein. Du kannst nach Hause gehen, Hansen, es ist vorbei, du hast keine Arbeit mehr. Dumm nur, dass dein Zuhause hier auf der Wache ist, oben im dritten Stock. Du kannst ja gar nicht aufhören, du würdest obdachlos werden, wenn du deinen Beruf an den Nagel hängtest. Du stündest vor dem Nichts …

Die Kriminalgeschichte rund Kommissar Hansen wird von einigen Handlungssträngen begleitet, die hauptsächlich dazu dienen, die damalige Zeit zu veranschaulichen – was dem Autor auch gut gelungen ist. Insgesamt gestaltet sich der Roman spannend, weist aber ein paar Schwächen auf. So sind ein paar Nebenschauplätze mehr oder weniger entbehrlich und so mancher Charakter, dem gerade zu Beginn Beachtung geschenkt wird, spielt später keine Rolle mehr. „Die schwarze Schlange“ ist der letzte Teil einer Trilogie, die sich um das Leben des Kommissars dreht. Virginia Doyle ist übrigens ein Pseudonym des in Hamburg lebenden Autors Robert Brack.

» Leseprobe „Die schwarze Schlange“

Rezension: NR. 211
29. Dezember 2010

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