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Sam Hawken: Die toten Frauen von Juárez

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Seit 1993 werden in Ciudad Juárez, einer Stadt im Norden von Mexiko, mehr als 400 Frauen vermisst oder wurden ermordet aufgefunden. Viele von ihnen werden vergewaltigt, bevor sie getötet und in der Wüste verscharrt werden. Diese sogenannten „Feminicidios“ (Frauenmorde) sowie der herrschende Krieg zwischen den Drogenkartellen bilden den realen Hintergrund zu diesem Debütroman des texanischen Autors Sam Hawken.

Drogen, Prostitution und Hahnenkämpfe

Juárez ist eine heruntergekommene und verarmte mexikanische Grenzstadt. Amerikanische Industriefirmen lassen dort ihre Waren billig produzieren, die Einheimischen selbst profitieren nur sehr wenig davon. Die Folgen: Drogen, Prostitution und Hahnenkämpfe bestimmen den Alltag. In dieser Stadt lebt Kelly Courter, ein Texaner, der sich mit Boxen mehr schlecht als recht durchs Leben schlägt. Obwohl er das Zeug hätte, in einer besseren Liga zu boxen, lässt er sich mit Alkohol und Drogen volllaufen. Kelly ist mit der Mexikanerin Paloma zusammen. Sein bester Freund ist Estéban, Palomas Bruder. Als Kelly sich wieder einmal hemmungslos einem Drogenrausch hingibt und sich tagelang in seiner Wohnung einnistet, verschwindet Paloma plötzlich. Erst als der Polizist Rafael Sevilla mit einem Trupp bewaffneter Kollegen seine Wohnung stürmt, dämmert es Kelly, dass etwas Schreckliches passiert sein muss. Aber da sitzt er schon im Gefängnis und ist der Willkür der mexikanischen Polizei, die im Amerikaner einen willkommenen Sündenbock für einen weiteren Frauenmord sieht, völlig ausgeliefert.

„Boxen, das heißt verrauchte Sporthallen und Nieren, die geschlagen werden, bis sie bluten“, hat Roger Kahn geschrieben, aber in Mexiko blutete alles im Ring. Von den Schmerzen ganz zu schweigen.

Der Leser wird es später wissen: Weder Kellys Drogenrausch noch seine Verhaftung sind Zufälle. Zum einen hat sich Kelly, als er sich mit dem undurchsichtigen Box-Manager Ortíz anlegt, einen einflussreichen Feind geschaffen. Zum anderen scheint seine Freundin Paloma so manchen ein Dorn im Auge zu sein, arbeitet sie doch für „Mujeres sin Voces“, einem Sozial-Verein, der auf die Morde und das Verschwinden der zahlreichen Frauen aufmerksam machen will. Zudem beobachtet Paloma immer wieder einen schwarzen Lieferwagen, der seine Runden durch die Stadt macht… Und dann ist Paloma selbst auf einmal verschwunden. Später wird die Polizei ihre verstümmelte Leiche finden.

Kelly lief ziellos durch die colonia. Zuvor war er auf der Suche gewesen, doch jetzt beschäftigten ihn seine eigenen Gedanken, sodass die Häuser eines nach dem anderen an ihm vorbei trieben, ohne dass er sie wirklich sah. Hin und wieder erblickte er das Feld mit den rosa Kreuzen. Jedes Mal rückte es ein Stück näher; es zog ihn unbewusst an. Schließlich befand er sich jenseits der schmalen Freiräume zwischen den Hütten, aber noch diesseits der Markierungen, weder hier noch dort.

Fotografien oder welke Blumensträuße zierten manche Kreuze. Andere trugen Namen, entweder aufgemalt oder mit Klebebuchstaben geschrieben. Die meisten waren völlig schmucklos. Vielleicht galten sie jemand Bestimmtem, vielleicht waren sie nur Mahnmale: justicia, justicia, justicia.

Kelly stand auf felsigem Boden, nur hier und da sah man vereinzeltes zähes Wüstengras, das überall wachsen und gedeihen konnte. Aber niemand ließ zu, dass es die Kreuze überwucherte. Kelly ging, ohne zu überlegen, einen Schritt weiter, dann noch einen, und so schlenderte er zwischen den Kreuzen umher wie eben noch zwischen den Häusern der colonia, ohne Zweck oder Ziel.

Justicia para Sangrario.

Justicia para Chita.

Justicia para Miguela.

Justicia para Noelia.

Kelly stand vor einem unbeschrifteten Kreuz. „Justicia para Paloma„, sagte er laut. Er sank auf die Knie und betet zum ersten Mal seit fünf Jahren. Es war ein Gebet ohne Worte. Stattdessen bot er Gott alles dar, was ihn innerlich aufwühlte – seine Wut, seine Angst, seinen Kummer und seine Reue -, und besiegelte es mit einem Amen. Am Himmel brannte die Sonne, ein böses Auge. Kelly schwitzte und weinte, die Flüssigkeiten fielen auf die trockene Erde. „Justicia para Paloma.“

Währenddessen wird Kelly im Gefängnis brutal geschlagen, misshandelt und gefoltert. Für die Polizei ist der Fall klar, dass Kelly und Estéban Paloma ermordet haben. Sie braucht aber noch Kellys Geständnis. Doch der weigert sich beharrlich die Beschuldigungen zu gestehen. Die Misshandlungen führen so weit, dass Kelly in ein Krankenhaus eingeliefert wird. Die Polizei wartet nur noch drauf, dass Kelly sich aus seinem komatösen Zustand in Richtung Hölle verabschiedet. Allein Rafael Sevilla, der Bundespolizist, der Kelly eigentlich wegen Drogenhandels überführen wollte, ist mehr und mehr von dessen Unschuld überzeugt, je intensiver er sich mit diesem Fall beschäftigt. Sevilla ist ein knapp 60 Jahre alter Mann, Alkoholiker und hat eine zusätzliche Motivation, den Mord an Paloma aufzudecken: Seine Tochter sowie seine Enkelin sind selbst spurlos verschwunden und wurden nie gefunden.

Das Buch besteht aus vier Teilen, denen inhaltsträchtige Titel vorstehen: Bolillo (kleines Weißbrot), Sospechoso (verdächtigt), Padre (Vater) und Justicia (Gerechtigkeit). In den ersten beiden Teilen erzählt der Autor die Geschichte aus Kellys Perspektive. Dies wechselt, als Kelly im Koma liegt und Rafael Sevilla zur tragenden Figur wird. Was keineswegs stört, denn die spannende Geschichte geht nahtlos weiter. Beide Charaktere tragen etwas Sympathisches in sich, denn beide sind trotz ihrer Schwächen im Grunde genommen anständig.

Die spanische Sprache spielt eine große Rolle in diesem Roman. Immer wieder streut der Autor spanische Wörter wie colonias, maquiladoras, motivosa, oder ganze Sätze in seine Erzählung, was dem ganzen Werk noch mehr Authentizität verleiht. Hawkens Stil ist kraftvoll und straff, die Handlung durchdacht und die Charaktere überzeugend. Man hat den Eindruck, dass es dem Autor ein echtes Bedürfnis war, über „Die toten Frauen von Juárez“ zu schreiben. Für ein Erstlingswerk ist dieses Buch wirklich beeindruckend.

Hawken draws a devastating landscape of poverty and corruption. He contrasts the innocence of the victims and their families with the arrogance of those wielding power; the deprivation of the poor with the opulent, gated-accommodation of the rich; the inexorable spread of the drug cartels with the apparent inability of state officials to halt the never ending violence in the region. (Lucy Popescu, Latineos)

@bilandia Vielen Dank für die Zusendung des Rezensionsexemplars!

Rezension: NR. 269
[ssba]
8. Mai 2012

Deine Meinung über dieses Buch:

2 comments
  • Peggy sagt:

    Hallo,ich bin durch Zufall auf deine Seite gestoßen. Ich habe das Buch die Geisha auch gelesen und fand es einfach nur klasse. Es ist super gut zu lesen und es bringt einen die Welt der Geishas viel näher. Man kann sich super in Chiyo hinneinversrtzen.

  • frau_bluecher sagt:

    Ja, ein gutes Buch. Ich hatte es auch in Null komma Nix durch. Spannend, interessant und flüssig zu lesen. Und einige romantische Geisha-Vorstellungen werden gnadenlos zertrümmert.

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